Aktuelle Zeit: Mi 22. Sep 2021, 04:48

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 339 Beiträge ]  Gehe zu Seite 1, 2, 3, 4, 5 ... 34  Nächste
Autor Nachricht
BeitragVerfasst: So 2. Sep 2012, 21:56 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: Fr 23. Dez 2011, 00:43
Beiträge: 8008
Wohnort: Im Herzen Bayerns
Wie angekündigt hier also ein paar Eindrücke aus Georgien im Jahr 2012.
Leider hatte ich nicht so viele Möglichkeiten zum Fotografieren wie erhofft, aber das, was ich habe, möchte ich gerne mit Euch teilen, wenn es auf Interesse stößt.
Dabei sind viele der Bilder mehr oder weniger von dokumentarischem Charakter (weil einfach die Zeit zur Bildgestaltung fehlte).

Grundsätzlich ist Georgien ein Land der Gegensätze. Tiflis ist "dank" Präsident Saakaschwili im Umbruch begriffen. Er fährt einen strikten Westkurs - mit allen Nebenwirkungen.
Tiflis selbst spiegelt den Gegensatz zwischen Erneuerung und Altem wohl am besten wider. Die Hauptstraßen gleichen denen, die man aus westlichen Metropolen kennt. Manches übertrifft sogar westliche Metropolen - so kann man in Tiflis sicher viel besser Mode von Welt einkaufen als beispielsweise in München. Alles was Rang und Namen hat ist hier mit eigenen kleinen Filialen entlang der Einkaufsmeilen vertreten. So baut beispielsweise auch Apple gerade den ersten Store dort (so weit ich weiß, gibt es nicht einmal in Berlin einen Apple Store!!! (oder hat sich das mittlerweile geändert?)). Die repräsentativen Gebäude (von denen auch immer wieder neue entstehen) sind sehr schön beleuchtet. Geht man aber nur ein, zwei Straßen davon weg, befindet man sich nahezu in Gegenden, die ich fast schon als "Slums" bezeichnen würde. Klar, ich sehe das mit der Brille eines Westdeutschen, der im reichen Bundesland Bayern wohnt und bisher den europäischen Speckgürtel (inklusive Nordamerika) nicht verlassen hat, aber es ist wirklich alles ziemlich runtergekommen und kaputt.
Das gleiche Bild zeigt sich nahezu im ganzen Land – alles kaputt und verwahrlost. Seit Georgien 1991 die Unabhängigkeit erlangt hat, ging es bergab. Russland war wohl ein wichtiger Abnehmer verschiedenster Güter. So etwas wie eine eigene Industrie, die Arbeitsplätze schaffen würde, gibt es nicht. Man exportiert hauptsächlich Wein. Alles andere wird aus dem Ausland gekauft. Kurios fand ich, dass ganz Georgien von deutschen Autos übersät ist. Opel ist dabei führend vertreten. Daneben VW, BMW und Mercedes. Im Osten sieht man auch noch eine Menge alter Ladas. Ich habe mir mal den Spaß gemacht auf einem Parkplatz die Herkunft der Autos abzuzählen. Von 20 Autos waren 18 deutsche Fabrikate. Die sind oft nicht mehr im besten Zustand (Euphemismus), aber sie laufen.

Würde ich für meine Reise einen Obergriff vergeben müssen, würde es sicher "Autofahren" heißen. Denn der Zustand der Autos dort und wie man fährt war das mich permanent beschäftigende Thema. Um es kurz zu machen: unbeschreiblich ;). In meinem Reiseführer wird vom Fahren dort abgeraten, denn es sei "lebensgefährlich". Das halte ich für einen Euphemismus ;).
Es gibt keine Schilder mit Tempolimits. Durch Ortschaften fährt man mit 100. Dabei rauscht man an spielenden Kindern vorbei, an Kühen, die die Straßen kreuzen, an Autos, die einem auf derselben Fahrspur (bei uns würde man sagen als Geisterfahrer) entgegenkommen oder Rückwärts fahren... Auf der Landstraße wird permanent überholt, natürlich in allen uneinsehbaren Kurven, gerne auch drei Autos nebeneinander – und natürlich auch bei Gegenverkehr. Der "Geschwindigkeitsüberschuss" der überholenden Autos ist manchmal sehr groß, so dass man regelrecht erschrickt, weil man nicht damit rechnet, meist aber nur sehr gering, so dass man eine Garantie hat, dass man auch lange Kurven bis zum Ende auf der Gegenfahrbahn verbringt.
Kühe, laufen überall (nur in Tiflis nicht) frei auf den Straßen herum, man geht deswegen auch nicht vom Gas sondern versucht ihre Bewegungen zu antizipieren, dann nimmt man irgendeine Lücke, die sich bietet und hofft, dass die Tiere mitspielen. Auch nachts sind sie auf den Straßen in den Ortschaften, aber viel mehr außerhalb der Ortschaften unterwegs. Oder sie schlafen einfach irgendwo auf dem Mittelstreifen und man sieht sie kurz vor oder in der Kurve und muss ausweichen. Hunde auf der Autobahn (ich glaube, es gibt nur eine Autobahn, wir sind laufend Landstraße gefahren) sind da wohl noch harmlos. Verpasst man eine Autobahnabzweigung fährt man natürlich einfach rückwärts wieder auf die ursprüngliche Autobahn – was sonst. Der Vater meiner Liebsten sagte mir zum Thema Rückwärtsfahren, dass ein Georgier in Deutschland einen Unfall hatte. Er ist ebenfalls vollgas rückwärts gefahren und mit einem anderen Auto kollidiert. Schuldig gesprochen wurde letztlich der Deutsche, auf den der Georgier aufgefahren war, weil man nicht glauben wollte, dass jemand so schnell rückwärts eine Straße entlang schießt...

Anschnallen gibt es nur für die Personen vorne, hinten befindet man das nicht für nötig oder es ist oft einfach auch nicht nicht möglich. Kopfstützen gibt es hinten sowieso nicht. Man fährt in den ländlichen Gegenden hauptsächlich mit Gas. Dazu hat man sich einfach ne Gasflasche in den Kofferraum gebaut. Dabei ist die Praxis die, dass man, wenn man längere Strecken fährt, bei jeder Möglichkeit den Motor ausschaltet und das Fahrzeug rollen lässt, um Sprit bzw. Gas zu sparen. Das macht man auch gerne auf längeren Geraden, also man beschleunigt sehr stark hoch, damit man dann weiter rollt, dann irgendwann wieder Gang rein, Gas zuschalten und weiter geht's.
So, das sollte als kleiner Eindruck dazu, was man unter "Fahren in Georgien" versteht, reichen.

Ich könnte ein Buch schreiben. Aber da das hier ein Fotoforum ist, möchte ich einfach ein paar Bilder zeigen.


Rushing Cow
Bild
#1


Innenansicht
Bild
#2


So sieht's aus, wenn man ihre Nachtruhe stört – wie man sich bettet...
Bild
#3

_________________
Nicht zu zeigen was, sondern wie ich es gesehen habe...



Zuletzt geändert von zeitlos am So 28. Feb 2016, 21:01, insgesamt 10-mal geändert.

Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
BeitragVerfasst: So 2. Sep 2012, 22:14 
Offline

Registriert: Do 28. Jun 2012, 14:25
Beiträge: 563
Schöner Bericht.
Und die ersten Bildersind doch auch schon mal ganz schön - originell, und halt zum Bericht passend. :thumbup:

Gruß,
bouba

_________________
Gruß,
bouba






Nach oben
 Profil Position des Users auf der Mitgliederkarte  
Mit Zitat antworten  
BeitragVerfasst: So 2. Sep 2012, 22:31 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: So 25. Dez 2011, 13:41
Beiträge: 7037
Wohnort: in Flagranti
Danke für die Infos, sehr interessant.
Mich erinnert das ein wenig an Indien, das ist das Leben für uns Europäer auch recht gefährlich. Unser Taxi Fahrer zum Flughafen hat auf der Autobahn abgebremst und die Tür aufgerissen, weil ein dickes Insekt ihm genau im Sichtfeld auf die Scheibe geklatscht war (ich konnte eigentlich auch vorher nicht richtig durchsehen ...). Er war noch nicht draussen, da knallte ein Mopedfahrer in die Tür, flog durch die Luft und blieb auf dem Mittelstreifen liegen; das Moped lag noch halb auf der Strasse. Unser Fahrer putze kurz die Scheibe, zog die Tür mit Kraft zu - brauchte drei Anläufe, bis sie halbweg schloss - und startete wieder durch. Auf unsere Frage, ob er dem Mann, den er "auf dem Gewissen hätte" nicht helfen wolle, fragte er zurück, ob wir heute noch zum Flughafen oder nur bis zur nächsten Polizei-Station kommen wollen ...
BTW.: Apple Shops in HH? ...
Apropos Mehr: Bitte mehr Bilder aus Georgien :wink:

_________________
Mit nettem Gruss
Klaus


Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
BeitragVerfasst: So 2. Sep 2012, 22:33 
Offline

Registriert: Do 12. Apr 2012, 20:39
Beiträge: 5274
Fängt ja schon mal prima an (das erste Bild ist spitze!). Ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht. Und halte dich bitte nicht mit Text zurück. :ja:

yp


Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
BeitragVerfasst: So 2. Sep 2012, 22:58 
yersinia p. hat geschrieben:
Fängt ja schon mal prima an (das erste Bild ist spitze!).


:ja: :bravo:


Nach oben
  
Mit Zitat antworten  
BeitragVerfasst: Mo 3. Sep 2012, 01:22 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: Sa 17. Dez 2011, 15:57
Beiträge: 5665
Wohnort: bei Köln
mehr, mehr, mehr... :cap: :bravo:

Grueße
Heribert

_________________
Grueße
Heribert

https://pentaxphotogallery.com/artist-g ... id=3626148


Nach oben
 Profil Position des Users auf der Mitgliederkarte  
Mit Zitat antworten  
BeitragVerfasst: Mo 3. Sep 2012, 07:54 
Offline

Registriert: Mi 21. Dez 2011, 22:50
Beiträge: 9174
Die #1 ist grosses Kino :thumbup:

_________________
User auf eigenen Wunsch deaktiviert.


Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
BeitragVerfasst: Mo 3. Sep 2012, 09:31 
Offline
Team
Benutzeravatar

Registriert: Mi 21. Dez 2011, 18:26
Beiträge: 18272
Wohnort: Bremen
Wie man liest, war die Frage nach den richtigen Objektiven eher nicht so die Entscheidende!
Vielleicht sollte man sich vorher überlegen, welche Lebensversicherung man am besten abschließt und ob es mobile Airbags gibt? :mrgreen:

BTW: Das erste Bild ist wirklich saustark! Im richtigen Moment mit der richtigen Belichtungszeit abgedrückt. :2thumbs:

_________________
LG
Hannes

(Mein Fotostream bei )


Nach oben
 Profil Position des Users auf der Mitgliederkarte  
Mit Zitat antworten  
BeitragVerfasst: Mo 3. Sep 2012, 10:13 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: Fr 23. Dez 2011, 00:43
Beiträge: 8008
Wohnort: Im Herzen Bayerns
Vielen Dank Euch allen für das Feedback! Und freut mich, dass Euch die Nummer 1 gefällt. Ist eigentlich auch mein Favorit von allen Bildern, die ich gemacht habe. Es war quasi der einzige Moment, wo ich mal bewusst fotografieren konnte, weil ich einfach mal "mein Ding" durchgezogen habe und meine "Reisegruppe" an der Tankstelle habe warten lassen ;)

Apropos Tankstelle. In Georgien scheint man alles, was nicht mehr gebraucht wird, einfach stehen und verrotten zu lassen. Ein tolles Fotomotiv sah ich auch mal entlang des Weges. Einige Kühe haben sich ne alte Tankstelle zum neuen Zuhause gemacht. So standen also einige Kühe dort überdacht an den Zapfsäulen. Das wäre ein tolles Bild gewesen... tja... wäre. Na, beim nächsten mal, wenn ich wirklich nur zum Fotografieren hinfahre.

@Klaus: Danke auch Dir für Dein Feedback und Deine kleine Geschichte. Ehrlich gesagt, hätte ich nicht gesehen, wie man in Georgien Auto fährt, wäre es mir schwer gefallen, Deine Geschichte zu glauben. Jetzt kann ich mir ganz gut vorstellen, dass ein Fahrer so reagiert, wie von Dir berichtet!

@Hannes: Ja, ne Versicherung für Leib und Seele wäre wohl das bessere gewesen. Es versteht sich übrigens von selbst, dass man dort keine Kfz-Versicherung hat (gibt's wohl freiwillig, hat aber keiner) oder eben auch keinen regelmäßigen TÜV oder dergleichen. Das erhöht die Fahrfreude noch um einiges ;).

Also dann weitere Bilder aus Georgien, genauer gesagt aus Sighnaghi. Eigentlich nur ein kleines Dorf im Osten des Landes. Hat ein bisschen mehr als 2000 Einwohner, aber wohl jeder Georgier kennt es. Es liegt recht idyllisch auf einem kleinen Berg. Weiter im Osten ist Aserbaidschan nicht mehr weit. Leider hatte ich etwas Pech mit dem Wetter. Normalerweise sieht man das mächtige Kaukasusgebirge sehr toll von dort aus, das war aber ziemlich in Nebel gehüllt, deshalb auch auf den Bildern die weißen Nebelbänke. Ich hoffe, man kann trotzdem bisschen erkennen, dass es dort eine Eindrucksvolle Landschaft gibt.

Bild
#4

Die Hauptstraße in Sighnaghi mit ihren typisch georgischen Balkonen.
Bild
#5

Eine Georgierin versucht mit dem Verkauf von Sonnenblumenkernen ihre Rente etwas aufzubessern. Überhaupt sieht man im ganzen Land Menschen am Straßenrand die Erzeugnisse ihres Gartens verkaufen.
Bild
#6

Tschutschrella (so spricht man es) ist mit ein "Hauptnahrungsmittel" der Georgier und wird auch über's ganze Land an den Straßenrändern verkauft. Getrockneter Traubensaft umhüllt Hasel- oder Walnüsse. Schmeckt leicht süßlich (je nach Alter) und wirklich gut.
Bild
#7


Hier kann man das Kaukasusgebirge im Hintergrund erkennen.
Bild
#8


Der Blick von Sighnaghi herunter auf das umliegende Land. Man kann es gar nicht im Bild festhalten, wie imposant der Blick auf diese endlos scheinende Fläche in Wirklichkeit ist. Hier sieht man im Schatten des Berges ein Dorf bzw. eine kleine Stadt.
Bild
#9



Bild
#10

_________________
Nicht zu zeigen was, sondern wie ich es gesehen habe...



Zuletzt geändert von zeitlos am Sa 28. Feb 2015, 14:51, insgesamt 3-mal geändert.

Nach oben
 Profil  
Mit Zitat antworten  
BeitragVerfasst: Mo 3. Sep 2012, 10:18 
Offline
Benutzeravatar

Registriert: Mi 28. Dez 2011, 17:55
Beiträge: 3126
Wohnort: vor den Toren Stuttgarts
Bitte weiter erzählen - in Bild und Wort :)

Ich folge dir mit Genuss - und sicher nicht nur ich ;)

_________________
Gruß Evelyn


"Weißt Du, wie Du Gott zum Lachen bringen kannst? Erzähl ihm Deine Pläne."
Blaise Pascal (1623 - 1662)


Nach oben
 Profil Position des Users auf der Mitgliederkarte  
Mit Zitat antworten  
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 339 Beiträge ]  Gehe zu Seite 1, 2, 3, 4, 5 ... 34  Nächste

Alle Zeiten sind UTC + 1 Stunde [ Sommerzeit ]


Wer ist online?

0 Mitglieder


Ähnliche Beiträge

Nach langer Zeit
Forum: Sport und Action
Autor: pentaxnweby
Antworten: 8
Während einige sich in Lübeck amüsieren..................
Forum: Natur- und Landschaftsfotografie
Autor: diego
Antworten: 8
Nach etwas Regen
Forum: Natur- und Landschaftsfotografie
Autor: m@rmor
Antworten: 2
Eindrücke aus Lothringen - Metz und Nancy
Forum: Urban Life
Autor: Alaric
Antworten: 3
Reise durch Friesland
Forum: Reisefotografie
Autor: Edmund
Antworten: 2

Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.

Suche nach:
cron
Powered by phpBB® Forum Software © phpBB Group


Hosted by iphpbb3.com

Impressum | Datenschutz